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Gipfelstürmer 2.0 - Jan Holbein und die 170 km beim SwissPeak Trail

Jan Holbein hat vom 03.09.-05.09.20 am SwissPeaks Trail über die 170 km teilgenommen. Der Alpine Ultra-Trail bietet eine unvergleichliche Kulisse mit atemberaubender Aussicht von den höchsten Gipfeln des Wallis. Jan hat ja schon so einige Trails gemeistert, aber das hier war auch für ihn ein ganz außergewöhnliches Rennen. Wir können das gar nicht in Worte fassen, da es für uns gar nicht machbar gewesen wäre. Vor einiger Zeit haben wir seinen ersten 100 km Trail bestaunt und jetzt das. Darum veröffentlichen wir hier seinen ganz persönlichen Bericht und bedanken uns dafür, das er uns so daran teilnehmen lässt.

Letzte Woche Donnerstag ging es um 10 Uhr endlich los auf die 100 Meilen Strecke, für die ich mich seit Januar versucht habe vorzubereiten.

Eigentlich wollte ich Anfang August in Österreich beim KAT100 starten, welcher aber Corona zum Opfer fiel. Also habe ich nach Alternativen gesucht und den SwissPeaks gefunden.

Die Videos der letzten Jahre sahen landschaftlich unglaublich toll aus und letztendlich hat er auch „nur“ 1800 Höhenmeter mehr im Aufstieg und 3500 HM mehr im Abstieg, also angemeldet und versucht, meine Form 4 Wochen länger aufrecht zu halten.

Hätte ich zu dem Zeitpunkt gewusst, was mich da erwartet, ich hätte mich wohl dazu entschieden, die Corona Absage so hinzunehmen und es einfach nächstes Jahr mit den 100 Meilen zu versuchen

Naja, es kommt wie es kommt, und am Donnerstag ging es dann an der Staumauer Grand-Dixence (die vierthöchste Staumauer der Welt) los auf die Strecke. Mit dabei waren mein Vater, Lisa und Elli, die mich unterwegs bestmöglich unterstützt und versorgt haben.

Zunächst ging es direkt schön steil 700 Höhenmeter hinauf auf 2985 Meter. Bei dem anschließenden Downhill hätte das Rennen für mich beinahe beendet sein können. Auf einem schneebedeckten Felsen bin ich ausgerutscht und dabei hat mein rechtes Schienbein engen Kontakt mit einem anderen Felsen gesucht. Der Fels blieb ganz, mein Schienbein sah nicht allzu gut aus, wie man auf einem der Bilder sieht . Nach einer kurzen Pause habe ich entschieden, erstmal weiter zu laufen und es, wenn nötig, beim nächsten Verpflegungspunkt zu verbinden. Auf jeden Fall schon mal ein guter Beginn....

Anschließend ging es seeeehr lange runter, dann wieder steil hoch und dann (nach 33 km und ca. 6 Stunden Laufzeit) kam der längste Downhill der Strecke mit ca. 1800 HM am Stück. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir eigentlich ganz gut, allerdings haben sich plötzlich die vorderen Oberschenkel gemeldet und ich musste aufpassen, keine Krämpfe zu bekommen.

Was da bei mir so im Kopf vorgegangen ist: „Das ist mal echt scheiße, da will man 170 km laufen und nach 35 km bekommt man schon Krämpfe, das kann ja was geben...“. Jetzt schon aufhören geht jedenfalls noch nicht, das wäre mehr als peinlich, also erstmal langsamer weiter bergab laufen.

Kurz vor Ende des Downhills kam der Krampf dann nicht in den Oberschenkeln, sondern in der linken Wade. Glücklicherweise war ein anderer Läufer in der Nähe und konnte mir helfen, ihn los zu werden und mir 2 Salztabletten zu geben. Die nächsten 10 km gingen mir dann nur noch darum, ohne weitere Krämpfe den nächsten Versorgungspunkt (km 53, ca. 11 Stunden Laufzeit) zu erreichen und dort meinen Salzhaushalt aufzufüllen. Hier machte ich auch die erste längere Pause um Kraft für die erste Nacht zu sammeln.

Als ich mich dann von meiner Crew verabschiedete und mich in die Dunkelheit aufmachte hatte ich keine Ahnung, was mich in den nächsten Stunden erwartet. Um es kurz zu machen: Es ging auf insgesamt 8 km über 1000 HM hoch und 1000 HM runter und das in einem Gelände, welches Tagsüber schon mehr als schwierig zu bewältigen wäre. Hier verabschiedete ich mich auch vollends von meinem Zeitplan, für dieses Stück habe ich über 4 Stunden gebraucht, so dass ich erst gegen 2 Uhr Nachts am nächsten VP ankam. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir ziemlich schlecht, ich war müde und unterkühlt und leider konnte man sich hier nirgendwo aufwärmen. Mein Vater meinte später, dass das auch der einzige Punkt war, an dem er mich mit einem unguten Gefühl verabschiedet hat. Sie sind von hier zum Campingplatz gefahren, um ein wenig zu schlafen.

Ich habe mir vorgenommen, zumindest noch bis zum nächsten VP zu kommen, welcher in einer warmen Turnhalle lag und wo man sich ein bisschen ausruhen konnte. Dort habe ich dann auch knapp 2 Stunden verbracht, allerdings hat das mit dem Aufwärmen nicht so funktioniert, weil meine Klamotten komplett nass waren und ich nichts zum Wechseln dabei hatte. Aber die Pause hat trotzdem gut getan und als ich mich dann gegen 7 zusammen mit dem Sonnenaufgang wieder auf den Weg gemacht habe, war ich gut drauf und optimistisch, dass es jetzt gut weiter gehen kann... womit ich ziemlich daneben liegen sollte.

Zunächst ging es von Finhaut etwa 1200 HM hinauf und das seeeehr steil. Aber auf den Uphills war ich schon die ganze Zeit ganz gut drauf und auch hier habe ich mein Tempo ganz gut halten können. Der anschließende Downhill hat mir dann aber jede Lust genommen. Es war super steil, technisch verdammt schwierig, die Sonne hat ohne Gnade auf einen runter gebrannt, die Beine und Füße haben bei jedem Schritt geschmerzt, kurz gesagt: Während diesem Downhill habe ich entschieden, bei der nächsten Möglichkeit auszusteigen. Ich war hier gerade mal bei Kilometer 80, hatte also noch nicht mal die Hälfte der Strecke, und war schon über 24 Stunden unterwegs. Meine Einschätzung, ich könnte in unter 40 Stunden ankommen, war also vollkommener Schwachsinn und ich würde wohl eher 48-50 Stunden brauchen. Das war einfach zu viel des guten.

Das Problem war nur: Ich brauchte noch etwa 7 Stunden bis zu der nächsten Austrittsmöglichkeit. Und dann ein paar Kilometer bevor ich da war, ging es mir plötzlich wieder besser, was vor allem daran lag, dass die Sonne langsam unterging und es nicht mehr so unglaublich heiß war.

Die Folge: Als ich dann gegen 18/19 Uhr den Verpflegungspunkt bei KM 103 endlich erreicht habe, habe ich mich nicht für Pizza und Bier entschieden, sondern habe mir vorgenommen, zumindest noch zum nächsten Verpflegungspunkt zu laufen. Dieser war eine sogenannte Lifebase, wo man neben warmen Essen noch die Möglichkeit hatte, in richtigen Betten zu schlafen, also Luxus pur.

Als ich dort dann gegen halb 11 angekommen bin habe ich mit meinen Begleitern abgemacht, dass ich hier 1-2 Stunden schlafe und ihnen schreibe, ob und wann ich mich dann wieder auf die Strecke begebe, damit sie ungefähr einschätzen können, wann sie aufstehen müssen.

Als ich mich dann gegen 1 Uhr nachts entschieden habe, weiter zu gehen, war für mich eigentlich auch klar, dass Aufhören jetzt keine Option mehr ist, egal wie lange ich noch brauchen würde. Schließlich lagen jetzt „nur noch“ 57 Kilometer vor mir!

Der Rest ist dann auch recht kurz erzählt:

Um 4 Uhr morgens habe ich nochmal einen kleinen Powernap im Sitzen gehalten, 42 km vor dem Ziel ist mir einer meiner Stöcke gebrochen (Positiver Gedanke in diesem Moment: „Naja, das gute ist, einen Stock hast du noch!“), die Sonne hat mir Gesicht und Nacken nochmal komplett verbrannt, und ich habe einfach nur noch stumpfsinnig einen Fuß vor den anderen gesetzt und kam damit Schritt für Schritt näher.

Dieser „Rest“ hat letztendlich nochmal über 15 Stunden gedauert, aber an viel mehr kann ich mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern.

Die Gefühle beim Zieleinlauf zu beschreiben ist schwierig. Andere Ultraläufer können sich vermutlich vorstellen, wie man sich da fühlt.

Ich bin jetzt jedenfalls glücklich und stolz, es geschafft zu haben und ich konnte während dem Lauf sehr viel über mich selbst erfahren.

Es wurde letztendlich die Grenzerfahrung, die ich gesucht habe, mit Höhen und Tiefen, mit guten und mit einigen schwierigen Momenten, mit denen man bei so einem Lauf lernen muss, umzugehen.

Vielen Dank noch mal an meine Crew, ohne die ich es niemals ins Ziel geschafft hätte, und an alle, die von Zuhause mit gefiebert haben. Es hat mir sehr viel Kraft gegeben, unterwegs so viele tolle Nachrichten zu bekommen!!

Jetzt noch ein paar nackten Zahlen, die ich mir auch noch nicht so richtig vorstellen kann:

Distanz: 170 km

Höhenmeter Hoch: 11200

Höhenmeter Runter: 13000

Laufzeit: 54:25h

Kalorienverbrauch: ca. 25000 Kalorien

Kalorienaufnahme: ca. 10000-12000 Kalorien

Flüssigkeitsaufnahme: ca. 35- 40 Liter (ausnahmsweise kein Bier )













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